Der Tesla Model S P90D im Wintertest

Tesla Model S P90D

Auf 60 km/h beschleunigen, am Bremspunkt kräftig in die „Eisen“ treten und schauen, in welche Richtung der Fahrtrainer zeigt. Genau in diese Richtung soll ich mit dem Tesla Model S P90D nach der Vollbremsung ausweichen. Eigentlich kein Problem, doch das Ganze passiert auf Schnee und Eis.

Der Sunny-Boy ist wintertauglich

Willkommen beim Wintertest mit dem Elektroauto auf 1.700 Meter Höhe und minus Neun Grad Außentemperatur im österreichischen Pitztal. Obwohl das zwei Tonnen schwere Auto im sonnigen Kalifornien konstruiert und gefertigt wird, macht es sich im europäischen Winter ganz hervorragend. Die Ausweich- und Slalomübungen auf dem abgesperrten Testgelände meistert das Model S P90D ganz hervorragend. Der Allradantrieb und die diversen Assistenzsysteme hielten mich erstaunlich gut in der Spur (siehe Video).

Digital ist besser – auch beim Allradantrieb

Im Mittelpunkt des Fahrens auf Schnee und Eis steht der Allradantrieb des Model S P90D. Das D in der Typenbezeichnung bedeutet Dual – und beschreibt die beiden Motoren an der Front- und Heckachse. Der klassische Allradantrieb (AWD, 4WD) nutzt eine mechanische Kraftübertragung auf die zweite Achse. Ein Differenzial oder eine Kupplung regelt die Übertragung vom Motor auf die gegenüberliegende Achse. Beim Model S arbeiten die zwei Motoren getrennt, ohne mechanische Verbindung. Der Computer erfasst 500 Mal pro Millisekunde die Daten der Räder und entscheidet dann über die Kraftverteilung. So wird je nach Grip (Haftung) die Kraft unterschiedlich auf die vier Räder verteilt. Das führt dazu, dass der Wagen auf Schnee und Eis zügig beschleunigt ohne durchzudrehen. Auch beim Slalom weicht das Model S P90D den Hindernissen sicher aus ohne großartig zu rutschen. Auf Eisflächen gerät das zwei Tonnen schwere Fahrzeug natürlich ins Rutschen, doch wenn die Räder keine Haftung haben, kann der Fahrer nicht weiter beschleunigen. Erst wenn wieder Traktion vorhanden ist, treibt der Motor die Räder an.

Das Model S P90D ist von Sinnen

Das P in der Typenbezeichnung steht für das Performance-Paket. Damit beschleunigt die Limousine in drei Sekunden von Null auf 100 km/h. Gut, das konnte ich in den Bergen nicht ausprobieren. Aus dem berühmten Beschleunigungsmodus „Wahnsinn ist hierbei ein „Von Sinnen“ (Ludicrous) geworden. Die 90 steht für die Batteriekapazität in Kilowattstunden (kWh). Laut Hersteller schafft man mit einer Batterieladung im Idealfall bis zu 520 Kilometer. Seit Auslieferungsbeginn 2013 hat Tesla die Batteriekapazität im Model S bei gleichbleibendem Volumen von 70 auf 90 kWh gesteigert. Für den Testtag im Schnee war eine Batterieladung mehr als ausreichend. Neben diversen Beschleunigungs- und Slalomrunden auf dem  musste niemand auf Sitz- und Scheibenheizung, Lüftung oder Radio verzichten. Auch die häufigen Fahrerwechsel und damit einhergehend das Ändern des Fahrerprofils (Spiegeleinstellungen und Sitzposition) zerrten an der Batterie.

Alle setzen auf Elektroantrieb

Sämtliche Mitbewerber und neue Hersteller setzen beim Auto auf Elektroantrieb. Auf der diesjährige Consumer Eletronics Show (CES) in Las Vegas zeigte Chevrolet seinen Bolt. Ein kompaktes Elektroauto für den Alltag mit 300 km Reichweite. Ob General Motors das Auto als Opel-Variante auch nach Deutschland bringt, ist noch ungewiss. In den USA soll der Bolt Ende 2016 verfügbar sein.

Volkswagen, in den USA dank seines Abgasskandals arg gebeutelt, zeigte sein Konzept-Auto BUDD-e (Wortspiel: engl. Buddy – Kumpel). Die moderne Interpretation des ersten VW-Bulli beschreibt Markenvorstand Dr. Herbert Diess als „realistischen Trendsetter“. Das Konzept basiert auf dem modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) von Volkswagen. Der BUDD-e hat Allradantrieb und eine Leistung von 235 kW/317 PS. Mit dem neu entwickelten Elektroantrieb seien Reichweiten bis zu 533 Kilometer möglich. Ein wesentlicher Punkt des BUDD-e-Konzepts: autonomes Fahren. „Es wird uns alltäglich begleiten und die Mobilität komplett verändern„, ist Diess überzeugt. Ob BUDD-e in der präsentierten Form auf die Straße kommt, ist ungewiss. Doch ein ähnliches Elektroauto auf Basis des MEB wird laut VW-Entwicklungschef Dr. Volkmar Tanneberger bis 2020 serienreif sein.

Faraday Futur FFZERO1

Von Apple über Elio bis Faraday

Die meiste Aufmerksamkeit bei der CES erhielt Faraday Future. Ja, ein weiterer Autohersteller mit Physiker-Namen in der Firmierung. Faraday Future hat seinen Sitz ebenfalls im sonnigen Kalifornien und das Geld kommt aus China. Hauptinvestor ist Jia Yueting, CEO von Leshi Internet Information & Technology in Peking. Angeblich arbeiten bereits 500 Autoexperten an dem neuen Elektroauto. Nördlich von Las Vegas soll für eine Milliarde Dollar ein Fertigungswerk in der Wüste entstehen. Auf der CES zeigte Faraday einen Prototypen, den FF Zero 1, allerdings nur auf der Bühne. Gefahren wurde nicht. Der elektrische Flitzer ist bislang nur in einem Werbevideo auf der Straße zu sehen. Das Konzept-Auto soll als Basis für spätere Serienversionen dienen. Wann das genau sein wird, ist noch unbekannt. Auch von Apple wird erwartet, dass bis 2019 ein Elektroauto mit angebissenem Apfel auf der Haube vom Band rollt. Und mit Elio Motors betritt ein ganz neuer Player die Bühne. Aber auch die Etablierten haben den Weckruf verstanden. Audi will mit dem Q6 e-Tron einen Elekto-SUV auf die Straße bringen, der mit einer Batterieladung bis zu 500 Kilometer schafft. Geplanter Verkaufstermin: ab 2018.

Allein auf weiter Straße: Tesla

Viele Pläne, viele Ankündigungen, etliche neue Player. Doch tatsächlich auf der Straße hat nur Tesla Elektroautos mit Reichweiten jenseits der 400 km-Marke. Das Model 3 von Tesla (300 km Reichweite, Preis: um 32.000 Euro) dürfte erst 2017 ausgeliefert werden. Auch beim Model X geht es nur langsam voran. Von 507 produzierten Fahrzeugen wurden 2015 nur 208 an die Besitzer ausgeliefert. Grund dürften die Flügeltüren sein. Die Falcon-Wings sind in der Produktion eine Herausforderung. Tesla hat kürzlich den Zulieferer gewechselt und den ersten Zulieferer Hoerbiger verklagt. Die hydraulischen Türen verloren Öl und wurden extrem heiß. Startschwierigkeiten, ein gedrückter Aktienkurs, doch Tesla Motors bleibt der einzige Autohersteller mit serienreifen Elektroautos und einem eigenen Ladenetz. Verzögerungen haben bei Tesla Tradition – das ist seit dem Roadster so. Für die Wartezeit empfehle ich die Elon Musk-Biografie. Und der unvermeidliche Satz: Die Wettbewerber müssen sich warm anziehen. Das steht nach meinem Wintertest fest.

Tesla-Fotos von Holger Schaper.

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