Zu Besuch auf Planet Future: der Autopilot im Model S – Teil 2

Tesla Modell S P90D

Bei diesem Test lasse ich mich fahren. Ja, ich versuche so viele Kilometer wie möglich den Autopiloten in Teslas Limousine ran zu lassen. Dabei macht selber fahren in dem Elektroauto soooo viel Spaß. Aber ich will ja wissen, wie gut die Technik auf deutschen Auobahnen funktioniert.

Nachdem dem Tempomat aktiviert ist, kann man mit dem selben Hebel auch den Tempomaten aktivieren. Der Wagen hält die Spur als auch den gewünschten Abstand zum Vorausfahrenden (siehe Video). Eigentlich hasst man als Autofahrer die lahmen LKW auf der rechten Spur. Doch als Tesla-Fahrer weiß man deren konstante Fahrweise zu schätzen. Ich will bei meiner Testfahrt etwas aus der Jacke holen, die auf der Rückbank liegt. Außerdem müssen noch einige Mails beantwortet werden. Per Autopilot hinter einen Lastwagen hängen und man kann – relativ beruhigt – die Augen kurz von der Straße nehmen. Offiziell darf man das natürlich nicht. Die Hände gehören ans Lenkrad. Darauf weist der Wagen in regelmäßigen Abständen optisch und akustisch hin.

Tesla Autopilot

Selbst ein Spurwechsel bekommt das Model S – weitestgehend – allein hin. Blinker setzten, kurz ans Lenkrad greifen, ohne wirklich einzulenken und der Wagen wechselt die Spur. In den USA ist der Griff ans Lenkrad nicht notwendig. Der Wagen beschleunigt bis zur maximal eingestellten Geschwindigkeit und hält weiterhin den Abstand zum Vorausfahrenden. Alles perfekt. Im Test hat mich das Elektroauto sogar durch die Hamburger Innenstadt chauffiert. Sobald die Fahrbahnmarkierungen eindeutig zu erkennen sind, arbeitet der Autopilot einwandfrei. Nur einer Route des Navis folgen, inklusive Abbiegungen an Kreuzungen, bekommt der Assistent noch nicht hin.

Welche Funktion hoffentlich noch bei einem zukünftigen Update kommt, ist die automatische Anpassung der Geschwindigkeit. Die Kamera erkennt Tempo-Schilder am Rand der Fahrbahn. Das Tempo wird im Display angezeigt, hat aber keine Auswirkung auf den Tempomaten. Ist die Geschwindigkeit dort zu hoch eingestellt, rauscht man ungebremst in die Radarfalle. Eine Option, dass der Tempomat die erkannte Höchstgeschwindigkeit übernimmt, wäre praktisch.

Tesla Reichweite
Reichweitenrechner auf Teslamotors.com/de_DE/models

Die Variante P90D des Model S hat zwei Motoren mit insgesamt 967 Newtonmeter Drehmoment. Da einem dieser Wert noch nichts sagt, füge ich mal die altbekannten PS hinzu: 539 (beim Ludicrous-Beschleunigungs-Modus). Das Auto hat eine Batteriekapazität von 90 Kilowatt-Stunden. Laut Neuem Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) schafft der Wagen damit 509 km – unter Laborbedingungen. In der Realität des norddeutschen Frühlings bei gerade mal 10 Grad, Gegenwind, leichten Steigungen, Radio und Heizung an, durchschnittlich Tempo 120 und den großen „Schlappen“ auf den Rädern (21 Zoll) sind es eher 350 km, so zeigt es auch der Rechner auf der Tesla Webseite.

Wie weit komme ich noch?

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Restkilometer-Anzeige. Im Fahrer-Bildschirm ist ein Kilometer-Wert zu sehen, der sich stets von der Anzeige auf dem großen Bildschirm unterscheidet. Dort sind Verlaufskurven der letzten 10, 25 und 50 gefahrenen Kilometer zu sehen. Jeweils mit durschnittlichen und aktuellen Restkilometer-Angaben. Es braucht ein wenig Übung, bis man raus hat, auf welchen Wert man sich verlassen sollte.

Tesla Restreichweitenanzeige im Model S
Welche km-Angabe stimmt? Unterschiedliche Restkilometerangaben im Model S.

Ausparken per App

Nach dem Test fragen mich etliche Freunde und Bekannte: „Hattest Du nicht Angst, wenn das Auto allein fährt.“ Rückblickend muss ich sagen: „Nein!“ Im Zweifel ist der Computer sogar der bessere Fahrer. Kamera, Radar und Ultraschall-Sensoren lassen sich nicht ablenken, werden nicht müde, reagieren schneller und schlagen mich bei Dunkelheit um Längen. Der Autopilot funktioniert bis zu einer Geschwindigkeit von 150 km/h. Wer schneller fahren will, muss wieder selber ran. In Deutschland fährt das Model S bis zu 250 km/h schnell.

Die Sensortechnik hilft aber nicht nur beim automatisierten Fahren, sondern auch beim Ausparken. Steht man in einer engen Parklücke, in der sich die Fahrertür kaum öffnen lässt, kann man den Wagen mithilfe der Smartphone-App vorwärts oder rückwärts ausparken. Das ist schon sehr praktisch. Natürlich funktioniert auch paralleles Einparken, wenn man noch als Fahrer im Wagen sitzt und die Sensoren beim langsamen Vorbeifahren eine freie Parklücke entdeckt haben.

Musik-Streaming dank LTE

Noch ein Wort zur Musik. Während man sich fahren lässt kann man natürlich Radio hören (FM, AM, DAB), aber viel cooler sind die Streaming-Optionen. Dank der Datenverbindung, der Wagen hat ein LTE-Empfangsteil, kann ich meine Wiedergabelisten von Spotify oder meine funky Soul-Sender via TuneIn hören. Yeah!

Über diese Datenverbindung, die europaweit funktioniert und für die Tesla-Fahrer nicht noch mal extra zur Kasse gebeten werden, erhalte ich auch die Verkehrsdaten in meine Google Maps. Nachts in der heimischen Garage oder an einem Hotspot kann der Wagen per WLAN ein Update der Software installieren. Am nächsten Morgen kann das Model S noch mehr. Ein Werkstattbesuch? Nicht nötig!

Kein günstiger Fahrspaß – erstmal

Für die die Anschaffung meines Testfahrzeugs, dem Model S P90D mit „Alles“ und dem neuesten Facelift, müsste ich 159.000 Euro auf den Tisch legen. Der Wechsel vom Beschleuningungsmodus „Wahnsinn“ auf „Von Sinnen“ schlägt dabei mit 11.100 Euro zu Buche – für 0,3 Sekunden, die man früher auf 100 km/h ist. Das Upgradepaket mit Hepa-Filter, dynamischem LED-Licht und einer elektrisch öffnenden Heckklappe kostet 3.300 Euro. Die Hardware für den Autopiloten ist zwar schon drin, doch die Aktivierung kostet bei Bestellung 2.800 Euro. Wer es später macht, wird mit 3.300 Euro zur Kasse gebeten. Fahrer können den Autopiloten 30 Tage testen und sich dann entscheiden. Doch wer einmal die Annehmlichkeiten zu spüren bekommen hat, wird schwer in Versuchung sein.

Auf der anderen Seite: Das Laden an Teslas Schnellladestationen (aktuell 55 Supercharger-Stationen in Deutschland) und den Destination Chargern (v.a. Hotels, derzeit im Aufbau) ist für Model S-Fahrer kostenlos. Außerdem spart man mit dem Elektroauto fünf Jahre lang die Kfz-Steuer und zahlt danach nur den halben Satz. Und in Hamburg darf man mit dem Wagen auch noch kostenlos parken (E-Kennzeichen vorausgesetzt).

Klassenprimus ohne Unterstützung

Jetzt kommt das große ABER: Bei der Förderung der Bundesregierung ist Tesla leider ausgeschlossen. Da 50 Prozent der Gelder von der deutschen Autoindustrie stammen, wollen die ihren US-Wettbewerber nicht noch fördern. So steht das natürlich nicht in den Bestimmungen für die 4.000 Euro-Prämie. Da wurde einfach ein Deckel von 60.000 Euro beim Listenpreise festgelegt.  Tesla startet erst bei 82.700 Euro für das Model S mit der 70 kWh-Batterie. Somit werden auch die Käufe eines BMW i8 sowie die Hybrid-Versionen des Cayenne, 918 Spyder und Panamera von Porsche nicht gefördert.

Einerseits kann man argumentieren, dass Leute, die mehr als 80.000 Euro für ein Auto ausgeben, das halbe Prozent staatliche Prämie nicht benötigen. Andererseits sollte man eine neue Technologie diskriminierungsfrei fördern, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Das lautet nämlich: Eine Million Elektroautos bis 2020 auf die Straße zu bekommen. Das wirkt ein wenig verträumt, wenn man sich die Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes anschaut: Aktuell sind 25.502 Elektroautos und 130.365 Hybrid-Fahrzeuge angemeldet. Bei insgesamt 45,1 Millionen Pkws in Deutschland − das ist ein Anteil von 0,35 Prozent.

Dabei ist Tesla der einzige Hersteller, der komplett auf Elektroautos setzt, die Reichweiten jenseits der 300-Kilometer-Marke schaffen. Außerdem baut sonst kein anderer Autohersteller ein eigenes Ladenetz auf. Kein deutscher Hersteller investiert in die Batterieforschung bzw. -produktion (siehe Tesla Gigafactory). Wo zukünftig die Musik in Sachen Elektromobilität spielt, dürfte klar sein.

Model 3 Skizze
Entwürfe für das Model 3 aus der Hand von Designer Franz von Holzhausen.

Die rund 400.000 Vorbestellungen für ein Model 3 von Tesla sprechen eine eindeutige Sprache: „Wir wollen Elektroautos!“ Einen derartigen Bestell-Rekord hat noch kein anderer Autohersteller aufgestellt. Auf der anderen Seite weckt Tesla hier Erwartungen, die das Unternehmen eigentlich kaum erfüllen kann.

Das Model 3 soll für 35.000 Dollar ab Ende 2017 auf den US-Markt kommen. In Europa werden wir den Wagen nicht vor 2018 sehen. Tesla hat bislang keinen angekündigten Auslieferungstermin beim Roadster, Model S und X gehalten. Hier müssen die Leute Geduld aufbringen und es wird Enttäuschte geben. Bleibt abzuwarten, wie hoch die Storno-Quote ausfällt. Der genannte Preis ist eine Nettopreis. Zum anderen ist es ein „ab“ Preis. Alles, was das Auto großartig macht, Autopilot, Allradantrieb, schnellere Beschleunigung und die größere Batterie sind da nicht drin. Und bei der Präsentation in L.A. hat Elon Musk nur gesagt, das Model 3 kann an Superchargern laden. Dass die Fahrer dies kostenlos tun dürfen, davon war nicht die Rede. Bis Ende 2016 werden weltweit rund 200.000 Model S und X an die Supercharger rollen und kostenlos laden. Kommen mehr als doppelt so viele Model 3 hinzu, wird es eng an den Ladesäulen und Teslas Stromrechnung explodiert.

Tesal Supercharger Bispingen
Noch herrscht wenig Andrang am Tesla Supercharger.

Zu welchen Konditionen Model 3-Fahrer an den Super- und Destination-Chargern aufladen, muss sich noch zeigen. Sicher ist allerdings, dass Tesla in Europa ein Abrechnungssystem an den Lladesäulen einrichten muss. Seit März 2016 gilt die Ladesäulenverordnung, die Umsetzung der europäischen Richtlinie 2014/94/EU. Vereinfacht gesagt, muss jeder neue Schnelllader auch einen CCS 2-Stecker (Combo) anbieten. Der diskrimminierungsfreie Zugang für alle Elektrofahrzeuge zu sämtlichen Ladesäulen soll für Interoperabilität und schnellere Verbeitung der Antriebstechnik sorgen.

Wie genau Tesla das realisiert, ist noch unbekannt. Für Elon Musk ist nur eins klar: weiter expandieren. Bei der Präsentation in Los Angeles kündigte er an, die Ladeanschlüsse bis Ende 2017 auf rund 7.200 weltweit zu verdoppeln erreichen. Die Zahl der Destination Charging Stationen soll auf 15.000 vervierfacht werden. Diese Ladeanschlüsse stehen an Hotels, Einkaufszentren, Freizeitparks und Golf-Plätzen. Orte, an denen sich Tesla-Fahrer für einige Stunden aufhalten. Hier erhält man pro Stunde Ladezeit rund 100 km Reichweite. In 14 europäischen Ländern gibt es bereits 150 derartige Stationen. Ein Blick auf die Deutschland-Karte zeigt Destination-Charger beispielsweise am Hyatt Regency Hotel in Köln, am Forsthaus Friedrichsruh bei Hamburg sowie am Hotel Sofitel Bayerpost in München.

Laden per E-Roaming

Elektromobilität wird sich nur durchsetzen, wenn sich die Fahrer keine Gedanken über Lademöglichkeiten machen müssen. Dabei geht es nicht nur um die Anzahl, sondern auch um den Zugang. Bislang benötigte man für jeden Betreiber einen separaten Vertrag. Eine Sackgasse. Das wollen E-Roaming-Anbieter wie Plugsurfing oder The New Motion ändern. Mit einem Vertrag bei diesen Anbietern kann der Elektroautofahrer per App die nächste Ladesäule finden als auch aktivieren. Zudem entstehen gerade in sämtlichen Metropolen weitere Lademöglichkeiten. Allein in Berlin sollen bis September 2016 weitere 220 Ladestellen hinzukommen.

Facelift beim Model S

Tesla Model S neue FrontMein Testwagen ist längst wieder bei Tesla. Inzwischen wird das Model S mit einem Facelift ausgeliefert. Die Limousine hat eine neue Nase, wie man sie schon vom Model X kennt. Die Front wirkt nun „wie aus einem Guss“. Zuvor war hier eine schwarze, ovale „Schnauze“, die wie ein Lufteinlass wirkte. Doch ein Elektroauto braucht keinen Lufteinlass. Ich stelle mal folgenden These auf: Während BMW bei seinem i3 ein Design gewählt hat, das förmlich schreit: „Ich bin eine ELEKTROAUTO! Ich sehe anders als alle anderen aus.“ Hat sich Tesla gedacht, die Akzeptanz der neuen Antriebstechnik dürfte höher ausfallen, wenn die Limousine zwar gewohnt aber doch gut aussehend daherkommt. Diese Phase ist vorbei. Die Akzeptanz ist da. Ein Tesla Elektroauto darf nun auch anders aussehen.

Im Inneren kommt ein adaptives Kurvenlicht mit 14 LED-Leuchten hinzu. Das hellere Licht dürfte vor allem in der Dunkelheit die Arbeit des Autopiloten noch etwas vereinfachen. Außerdem baut Tesla ein Hepa-Luftfiltersystem ein, welches 99,97 Prozent der Abgaspartikel sowie Allergene, Bakterien und andere Verunreiniger vom Fahrzeuginnenraum fernhält. Das mag in Smog-geplagten Metropolen ein echts Kaufargument sein. In Deutschland schmunzelt man doch eher über das Biowaffen-Symbol im Lüftungs-Menü. Elon Musk nennt es den „Bioweapon Defense Mode“.

Verarbeitung verbessern

Technisch ist Tesla auf der Höhe der Zeit. Was die Verarbeitungsqualität in der Preisklasse angeht, haben die deutschen Hersteller (noch) die Nase vorn. Das mache ich am Spiegel in den Sonnenblenden fest. Waren bei meiner allerersten Testfahrt die Spiegelabdeckungen totaler Billigschrott, ist das inzwischen deutlich besser geworden. Aber beide Spiegel in den Sonnenblenden sind nicht beleuchtet. Stichwort: Schminken im Dunkeln. Das mag für Viele eine Kleinigkeit sein, aber in einem 100.000 Euro-Auto darf man das erwarten. Zumal die Türgriffe außen und die Türverkleidung innen über ein „Ambient“-Licht beleuchtet sind, sollte ein kleines LED-Licht für den prüfenden Blick in den Spiegel drin sein. Schließlich will nicht nur das Auto einen perfekten Auftritt hinlegen.

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